Ein einziger Schlag

Jan Frodeno läuft, nein: rennt, nein: sprintet, fliegt, rast die Zeit davon. In sieben Wochen, am 7. August, findet in London das olympische Triathlonrennen der Männer statt, auf einem Kurs, wie gemalt für eine reine Laufentscheidung. Und Frodeno? Stapft seit Jahresbeginn von einem Fettnäpfchen ins nächste, Lauftraining: knapp über null. Ob der Olympiasieger von Peking 2008 tatsächlich in London starten und dort dann eine Rolle spielen kann, ist ungewiss. Seine ganz spezielle Art, den Triathlon zu leben, ist der Hauptgrund dafür, dass Frodeno nun in dieser Lage steckt. Sie ist aber auch die letzte Chance, doch noch alle zu verblüffen.

Jan Frodeno; Bild: © Petko Beier / Pebe Sport

„Noch einmal Gold für Jan Frodeno“, „Frodenos Gipfelsturm“, „Schreien vor Freude, weinen vor Glück“ – die Leser des Triathlon-Magazins meinten es noch einmal gut mit Jan Frodeno und wählten das Cover von seinem Olympiasieg 2008 zum beliebtesten Titel aus elf Jahren Zeitschriftenhistorie. Herausgeber und Fotograf des Bildes, Frank Wechsel, bezeichnet den Moment, in dem Frodeno das Zielbanner in die Höhe riss, als einen der, vielleicht sogar den emotionalsten Moment seiner Karriere. Und Frodeno gerät noch einmal ins Schwärmen, wenn er davon erzählt, wie ihn dieses Bild an „diese geniale Zeit, das viele Schuften, das perfekte Rennen“ erinnert.

Doch man muss nur ein Mal umblättern, dann ändert sich der Tenor der Überschrift: „Nervenkrieg“ steht da. Und es geht noch immer – oder eher: wieder – um Jan Frodeno.

„Es wäre ein Meisterstück, wenn ich nur dabei wäre“

Denn von einem zweiten Olympiasieg scheint Frodeno im Moment ganz weit weg zu sein. „2008 war mein Meisterstück der Sieg in Peking, 2012 wäre es das schon, wenn ich in London nur an der Startlinie stünde – ich will ja auch nicht als Statist starten, sondern das Rennen mit beeinflussen“, sagt er, reichlich Frustration in der Stimme, wenige Tage vor seinem Renncomeback in Kitzbühel am Sonntag. Das Ticket nach Großbritannien hatte er bei der Olympia-Generalprobe im vergangenen Jahr eigentlich bereits gelöst – die geforderte Bestätigung, eine Top-20-Platzierung im Jahr 2012, konnte er aber nicht erbringen. Seit dem Frühjahr schleppt sich Frodeno von einer Laufpause in die nächste. Schuld war erst ein gereizter Nerv in der Wade, den monatelang kein Mediziner ausfindig machte und der Frodeno jegliches Lauftraining untersagte. Als dieses Problem dann doch irgendwann abgestellt war, fing er sich prompt eine Achillessehnenentzündung ein, die nächste Laufpause. „Mein Orthopäde meint, ich hätte nicht nur Läuse, sondern auch noch Flöhe“, sagte der Olympiasieger Ende Mai, als er „gerade so schmerzfrei gehen“ konnte. Der Verband räumt ihm als Olympiasieger ohnehin schon lange eine Sonderstellung ein, vertraut nun auch hier auf ihn und seine Ehrlichkeit, darauf, dass Frodeno rechtzeitig Bescheid gibt, wenn es für London nicht reicht und ein anderer Athlet seinen Startplatz übernehmen muss. „Mitte Juni“, erklärte Frodeno damals, müsse er wieder „voll belastbar“ sein, dann könne es für die Olympischen Spiele reichen.

„Mitte Juni“ ist jetzt. Und Frodeno? Immer noch nicht voll auf der Höhe.

Ohne Training, aber mit „vollen Hosen“

Er befände sich auf einem guten Weg, erklärt Frodeno in dem Interview mit dem triathlon-Magazin, zwar habe er an der Sehne morgens noch Anlaufschmerzen, aber unter Belastung würden die Beschwerden geringer, sein Laufpensum steige langsam. „Momentan läuft es sehr, sehr gut“, sagt er da noch. Wenige Tage nach dem Interview sind Optimismus und gute Laune schon wieder verschwunden: „Immer, wenn es gerade einmal anfängt, gut zu laufen, kriege ich einen Knüppel zwischen die Beine“, sagt Frodeno kurz vor dem Kitzbühel-Rennen. Ein Infekt zwang ihn, aus einem Höhentrainingslager mit den Teamkollegen Maik Petzold und Steffen Justus abzureisen, wieder eine Woche zu pausieren. Praktisch ohne Lauftraining, vor allem ohne intensives, wird er jetzt in Kitzbühel, wo er beweisen soll, dass er wieder belastbar ist, am Start stehen. Ohne Laufform, dafür aber „mit vollen Hosen“. Selbst seinen Plan, seine gute Schwimm- und Radform zu beweisen, sich in den ersten beiden Disziplinen „offensiver“ zu zeigen – sprich: womöglich eine Flucht zu probieren – hat der Infekt wohl über den Haufen geworfen. „Ich hoffe nur, dass es nicht all zu peinlich wird“, sagt Frodeno.

Lange nicht mehr in Kombination gesehen: Jan Frodeno und ein Lachen; Bild: © Petko Beier / Pebe Sport

Um ihn herum, bei Sportlern, Szenekennern, auch im Verband, wachsen nun die Bedenken, ob es richtig war, Frodeno diese Sonderstellung einzuräumen, so lange auf ihn zu setzen. „Ich weiß, das ist unfassbar bitter für Jan. Aber ich erwarte, dass er ganz offen und ehrlich ist und es rechtzeitig sagt, wenn es nicht reicht. Er wird ja auch nicht einfach nur zum Dabeisein nach London fahren wollen“, meinte Nationalmannschaftskollege Maik Petzold, der seinen Olympiastartplatz damals noch nicht sicher hatte, kurz vor dem Qualifikationsrennen in Madrid Ende Mai. Es ist verständlich, dass Petzold das sagt, dass er im Sinne des Teams Klarheit fordert, dass die Zweifel an Frodeno wachsen. Aber es ist mindestens ebenso verständlich, dass Jan Frodeno, als Ausdauersportler nun einmal eine Kämpfernatur, nicht einfach aufgeben kann, wenn es eben doch noch eine Chance, einen Hoffnungsschimmer gibt, in London dabei und konkurrenzfähig sein zu können. Denn Olympia, das ist der Traum nahezu jeden Sportlers, das beste, das größte, was einem passieren, was man erreichen kann. Etwas, wofür fast jeder, wenn er die Chance hätte, dabei zu sein, doch alles hintenanstellen würde. Warum sollte das bei Jan Frodeno anders sein – weil er diesen Wettbewerb schonmal gewonnen hat? Für Frodeno macht das den Reiz, noch einmal dabei zu sein, noch einmal vorne mitzurennen, nur noch größer.

Ob die Zeit denn für ihn nun noch reichen, ob der Körper das Training ab sofort wegsteckt, ob er bis London wirklich zehn Kilometer unter 30 Minuten laufen kann, wie er es wohl müsste, um die Brownlees zumindest ins Schwitzen zu bringen, ob und wann es einen Punkt an dem er irgendwann sagen kann: ja, es klappt, oder: nein, doch nicht – all das sind gute Fragen, die Frodeno zur Zeit gestellt werden und auf die er wohl selbst gerne eine Antwort hätte. „Im Schwimmen hab ich richtig Bums und auf dem Rad so viel Druck wie noch nie, vom Herz-Kreislauf-System her bin ich top in Form – ich weiß nicht, wie schnell sich darauf die Laufform aufbauen lässt.“ Mehr kann Frodeno auf solche Fragen auch nicht beisteuern. Er kann nur eines: Versuchen, es herauszufinden.

Frodenos Schwächen sind seine Stärken

Frodeno hat die Nominierungskriterien nicht ganz erfüllt, das stimmt. Aber wenn man auf der formalen Ebene argumentieren möchte, dann kann man auch sagen: Jonathan Zipf und die anderen Deutschen haben noch nicht einmal diese Top-Zwölf-Platzierung in London oder die Top-Acht in Madrid erreicht. Eigentlich darf es Frodeno also niemand verübeln, wenn er sich diesen Versuch herausnimmt und die Kollegen und sich selbst im Ungewissen lässt. Zumal niemand wissen kann, ob er in vier Jahren, wenn Frodeno kurz vor seinem 35. Geburtstag stehen wird, auf der vor allem läuferisch immer schneller werdenden Kurzdistanz noch vorne mitmischen können wird, ob London vielleicht seine letzte olympische Chance ist. Deswegen gibt er sich nicht auf, versucht alles, volles Risiko, volle Konsequenz, volle Kanne. Das ist der Frodeno-Weg – und das war er schon immer. Auch, als es noch gut lief. Das ist Frodenos Schwäche, aber es ist auch seine Stärke. Es hat ihn in diese missliche Lage gebracht – aber ihm auch einen Olympiasieg beschert. Der Grund, warum man Frodeno nie abschreiben darf.

Denn für Frodeno gibt es nun einmal keine halben Sachen, keine Kompromisse, Kritiker würden vielleicht sagen: manchmal auch keine Vernunft. Frodeno funktioniert – oder auch nicht – nach dem Prinzip „alles oder nichts“. Bei wichtigen Rennen tritt er mit rund vier Prozent Körperfett an und brach, wie bei seiner bisher wohl größten Niederlage beim WM-Finale in Budapest 2010, mitunter fürchterlich ein, wenn es zu kalt für seinen aufs Existenzminimum reduzierten Körper wurde – speziell in Budapest außerdem auch deshalb, weil er mehr wollte als nur den WM-Titel, den Tagessieg, das Maximum. Keinen Kompromiss. Vor den Olympischen Spielen 2008 schottete er sich wochenlang in einem kleinen Zimmer von der Außenwelt ab und ließ niemanden an sich heran – anschließend feierte er, überraschend für alle, den größten Erfolg seiner Karriere. Nach dem Rückschlag im WM-Finale 2010 stockte Frodeno sein ohnehin schon riesiges Trainingspensum 2011 noch einmal auf, um endlich den scheinbar übermächtigen Brownlees beizukommen. Es war dieses letzte Rädchen, an dem Frodeno gedreht und dass das Uhrwerk nun aus der Fassung gebracht hat.

Keine Grauzonen

„Mein Körper hat immer alles geschluckt“, sagt Frodeno im triathlon-Magazin, so etwas wie Verletzungen habe er bislang nicht gekannt. Fast das ganze Jahr 2011 über war Frodeno übertrainiert, gab er im Nachhinein zu, schaffte in London, nachdem er sich zuvor über die laxen Nominierungskriterien beschwert hatte, als Elfter gerade so die geforderte Top-Zwölf-Platzierung. In Interviews zeigt er sich häufig einsichtig: Künftig weniger Umfänge, er wolle sich auf die Intensitäten konzentrieren. Und dann, so ist es im Moment, kommt doch der nächste Rückschlag. Auch die Infektion, sagt Frodeno, habe er sich eingefangen, weil er „sich abgeschossen“ habe, diesmal nicht selbstverschuldet. Was er damit meint, dazu will Frodeno schweigen. „Es ist jetzt eben so und ich muss damit klarkommen.“

Es gab bei Jan Frodeno bisher nur ganz oder gar nicht. Sekt oder Selters. Schwarz oder weiß – Grauzonen Fehlanzeige. Frodeno geht volles Risiko, sein Motto ist seit Jahren, dass es „keinen Plan B“ gebe – deshalb muss Plan A funktionieren. Mit voller Konsequenz, allen Konsequenzen, kein Zurück, kein Bedauern, „no regrets“. Wenn es funktioniert, wenn der Plan aufgeht, dann ist Frodeno ein Idol. Chris McCormack ist das mit Regelmäßigkeit, Anne Haug ist es aktuell nach ihrem starken Frühjahr, im Laufsport Anna Hahner, weil sie den Mut hatte, schon früh auf die Marathondistanz zu wechseln, Sabrina Mockenhaupt, weil sie es gewagt hat, trotz gelösten Olympiatickets dem Marathon den Rücken zu kehren und wieder 10.000 Meter zu laufen. Wenn es nicht klappt, wie jetzt bei Frodeno, wie bei Jan Fitschen, wie bei Falk Cierpinski oder Andrè Pollmächer, dann wussten es alle besser, dann ist man wahlweise unprofessionell, dumm oder unverbesserlich.

Links und rechts ein Kaktus

Frodeno nimmt eben nicht nur deshalb eine Sonderstellung im deutschen Team ein, weil er Olympiasieger ist. Er ist auch in seiner Einstellung einfach nicht zu vergleichen mit den übrigen Teamkollegen. Ein Grenzgänger. Steffen Justus und Maik Petzold bauen behutsam auf, über Jahre, sie sind konstante Athleten, die sich stetig steigern und herantasten. Das ist vorbildlich. Jan Frodeno dagegen macht keinen Hehl daraus, dass er keiner für das WM-Serienformat, dass er ein Typ für Eintagesveranstaltungen ist, einzelne Tage, an denen er „sich auskotzen kann wie kaum ein anderer“ – und auch das ist legitim. Er kann nicht nachvollziehen, dass seine Lebensgefährtin, Olympiasiegerin Emma Snowsill, nicht für die Olympischen Spiele nominiert wurde, nur, weil sie in der Serie zuletzt meist knapp hinter den Teamkolleginnen lag. Es freut ihn, wenn andere Nationen, wie im Falle Simon Whitfields oder Bevan Dochertys, weiter „auf ihre Champions vertrauen“, auch wenn die schon länger keine erwähnenswerten Leistungen mehr erbracht haben. Denn sie alle haben bewiesen, dass sie es können. An einem einzigen Tag.

Jan Frodeno; Bild: © Petko Beier / Pebe Sport

Frodeno haut voll drauf, und wenn er trifft, dann kracht es, richtig. Wenn er danebenschlägt, dann ist er mitunter die Lachnummer schlechthin. Für einen Wandel in dieser Philosophie ist es jetzt, acht Wochen vor den Spielen, zu spät. Frodeno hat, wenn überhaupt, noch einen einzigen Schlag, den er mit voller Wucht platzieren muss. Links und rechts ein Kaktus, in einem ganz schmalen Spalt dazwischen: Olympia. Deshalb zieht Frodeno aber noch lange nicht zurück. Wenn es gut geht, am 7. August in London dann nach all diesen Tiefschlägen plötzlich wieder Jan Frodeno vom Podium oder aus dessen Nähe lacht oder er auch einfach nur den Rennverlauf entscheidend mit beeinflusst hat, dann kann er sich den professionellen Sport endgültig schenken und von den Unsummen leben, die Frodeno bekommt, wenn er diese Geschichte an Hollywood verkauft. Dann sind die Kritiker wieder seine Fans, dann ist er endgültig Everybodys Darling, der Verband vorbildlich, weil er so lange an seinen Champion geglaubt hat, dann ist Frodenos Geschichte inspirierend. Das System Frodeno funktioniert.

In guten, nicht in schlechten Zeiten.