Das schuldige Unschuldslamm

Ich lese zwangsläufig eine Menge Texte, sehe Videos, Bildergalerien, verfolge Tweets, und, und, und. Darunter sind viele schöne oder zumindest interessante Beiträge, von denen ich immer einige via Twitter weiterverbreite. Weil dort aber nicht nur ich poste, geht gelegentlich etwas unter. Und manchmal müsste ich auch noch mehr einordnende Worte schreiben, als es auf Twitter möglich ist. Deswegen werde ich hier künftig in einer Art subjektiven Rückblick regelmäßig einige Stücke aufgreifen und ein paar Worte dazu loswerden. Den Auftakt mache ich mit Werner Franke, guten Taten, Prügelprinz Harry Wiltshire und dessen norddeutschen Nachahmern.

Die Top-Drei des Frauendopings

Hajo Seppelt und Werner Franke sind durch ihre Arbeit mitschuld daran, dass ich irgendwann begonnen habe, mich für Sportjournalismus zu interessieren. Letzterer, Franke, stellt in einer zweiteiligen Serie in der Zeitschrift “leichtathletik” nun die angesagtesten Betrugsmethoden für Olympia 2012 vor. Diese Woche waren die der Frauen dran, nächste Woche sind die Männer am Zug. Anlass für die Serie war wohl auch die Doping-Sperre der Sprinterin Zhanna Pintusevich-Block und die Erkenntnis, dass es im Frauen-Sprintfinale der Olympischen Spiele des Jahres 2000 wohl keine saubere Teilnehmerin gab.

Franke beschreibt in seinem Beitrag die Aromatase-Hemmung nach dem Beispiel der Hammerwerferin Tatyana Lysenko, die laut Franke nur durch einen glücklichen Zufall positiv getestet wurde. Aromatamase-Hemmer, erklärt er, hemmen die normale Umwandlung männlicher Geschlechtshormone in weibliche, wodurch eine Vermännlichung stattfindet. Entsprechende Stoffe wirkten bereits in geringen Dosen und seien kaum nachweisbar.

Außerdem nennt Franke das altbekannte Erythropoietin (EPO), das die Bildung roter Blutkörperchen ankurbelt und damit die Sauerstoffversorgung, also Ausdauer, verbessert. Für EPO gibt es zwar Tests, erwischt würden Sportler aber nur, wenn sie unvorsichtig dopen. Weniger bekannt ist außerdem, dass auch Sprinter zu EPO greifen: Franke erklärt anhand des Beispiels der 200- und 400-Meter-Läuferin Michelle Collins, dass auch in Schnellkraftsportarten mit EPO schneller regeneriert, also mehr und härter trainiert werden kann. Und wird.

Als drittes und letztes Betrugsbeispiel nennt Franke in dem doppelseitigen Beitrag keine Substanz, sondern eine Jahrzehnte alte Methode, positive Urintests zu umgehen: mit Fremdurin. Als aktuellstes Beispiel schreibt er von einem Fall sieben russischer Athletinnen vor den Olympischen Spielen 2008. Sie alle wiesen bei Dopingkontrollen auf mehr oder weniger wundersame Weise den selben Urin auf. Franke beschwert sich über die fehlende Berichterstattung zu diesem Fall und die Blindheit der Verantwortlichen: “Man wollte nichts wissen von der Plastik-Flasche und ihrem Inhalt, nicht wie die Athletinnen so schnell und gründlich ihre Blase entleerten, nicht wer das Plastikschläuchlein transvaginal einführte und den ungedopten Urin eingab.” Erst ein erstaunter US-Nachwuchsforscher habe die übereinstimmende Urin-Identität bemerkt. In Zukunft, prognostiziert Franke, habe natürlich jede Sportlerin ihren eigenen, sauberen Urin dabei. “Von Russland lernen heißt siegen lernen”, schreibt er.

Das prügelnde Lamm

Laurent Vidal entsetzt über WiltshireAuch wenn er beim Namen des Protagonisten gleich zwei Tippfehler eingebaut hat, verbirgt sich hinter diesem Tweet des französischen Profitriathleten Laurent Vidal eine unfassbar dreiste und schmutzige Geschichte: Bei der Triathlon-EM in Pontevedra (Spanien) Ende Juni hatte der Brite Harry Wiltshire den Lokalmatadoren und amtierenden Weltmeister Javier Gomez beim Schwimmen bedrängt, überschwommen, ihn geschlagen, an den Füßen gezogen und beim Ausstieg behindert. So heftig, dass Gomez dabei sogar seine Badekappe verlor. Wiltshires Pech: Die Kameras hatten einige der Attacken eingefangen.

Auch auf der Radstrecke soll Wiltshire die Gruppe nach Aussagen des sonst eher ruhigen Gomez ausgebremst und gefährdet haben. Wiltshire wurde nach Sichtung der TV-Bilder vom internationalen Verband für sechs Monate gesperrt. Gomez bekam beim Laufen später Magenprobleme und fiel zurück – wohl, weil er zuvor den einen oder anderen unfreiwilligen Schluck Wasser hatte nehmen müssen. Einige – darunter selbst britische – Sportler mutmaßten, Grund für Wiltshires Verhalten sei nicht nur pure Dummheit, sondern womöglich (Team-)Taktik gewesen: Es ging das Gerücht, indem er Gomez ausschalte, habe Wiltshire beweisen wollen, dass er im Hinblick auf London 2012 ein wertvoller Helfer für die Brownlee-Brüder ist. Pikanterweise twitterte der ältere und siegreiche, Alistair, später, der Sieg wäre ohne sein “tolles Team” nicht möglich gewesen. Damit spielte er aber in erster Linie auf einen anderen Vorfall an: Wiltshire hatte ihm nach einer Reifenpanne Brownlees sein eigenes Rad in die Hand gedrückt und war ausgestiegen – was den Verdacht, dass sich da einer profilieren wollte, nicht gerade mindert. Das Dreisteste – und jetzt sind wir bei Vidals Tweet – an dieser Geschichte: Wiltshire hat es tatsächlich fertig gebracht, Einspruch gegen seine sechsmonatige Sperre einzulegen. Der wurde abgelehnt, die sechs Monate sind mittlerweile aber vorbei. Ab sofort darf Wiltshire, den der eigenwillige Triathlon-Coach Brett Sutton einmal ernsthaft als “Lamm” bezeichnete, wieder starten. Ich bin gespannt, wie die Szene ihn empfängt, sollte er es tatsächlich ins Aufgebot für internationale Rennen schaffen.

Welche Schuld trifft die Polizei an den Hamburger Fußball-Prügeleien?

In noch viel größerem Stil geprügelt wurde diese Woche bei einem Hallen-Fußballturnier in Hamburg. Ein bemerkenswertes Blog dazu hat ein Fan des FC St. Pauli geschrieben. Er war mittendrin und begründet die Ausschreitungen mit massivem Fehlverhalten der Polizei – die hätte die Randale angeblich leicht unterbinden können:

Ihr habt 200 Kräfte vor Ort, ihr habt 80 Leute, deren erste Aktion ist, einen Sturmversuch zu starten, ihr habt 1.000 Leute, die ziemlich derbe reagieren. Nun kommt die Meisterfrage: Was macht ihr?

Am kommenden Wochenende wird in Berlin beim Fankongress auch über solche Themen gesprochen. Es werden rund 400 Fans erwartet und ich will versuchen, live zu bloggen. Die Veranstaltung gewinnt durch die neuen Vorkommnisse noch einmal an Bedeutung. Am Samstagabend wird sich auch das aktuelle Sportstudio in einer Diskussionsrunde mit der Fanpolitik befassen. Zur Einstimmung auf beide Veranstaltungen empfehle ich die Diskussion “Null Toleranz bei Randale?”, die bei ZDFlogin lief.

Was wäre, wenn jeder ein Prozent seines Einkommens spendet?

Diese Frage stellt Daniel Drepper in seinem Blog sinngemäß. Wie es der Zufall so will, habe auch ich mich etwas ähnliches gefragt, als ich über die Feiertage diese Reportage gelesen habe. Ich will das Gedankenspiel mit einer Milchmädchenrechnung weiterspinnen: 1.500 Euro verdient der erwerbstätige Deutsche laut Wikipedia durchschnittlich im Monat – spendet er davon ein Prozent, sind das also 15 Euro pro Person. Ich behaupte, kaum einer würde es merken, wenn ihm die auf dem Konto fehlen. Wenn aber alle 38 Millionen Erwerbstätigen hierzulande ein Prozent abgeben, kämen monatlich 570 Millionen Euro zusammen. Das würde man merken.

Diese Summe könnte sogar noch größer ausfallen, wenn Besserverdienende mehr geben. Daniel verweist auf diesen Spendenrechner, der schmerzfreie Spendensätze ermittelt. Daniel selbst will übrigens “Reporter ohne Grenzen” unterstützen und auch ich werde ab sofort mitmachen, habe mich aber noch nicht endgültig festgelegt, wobei genau. Es soll etwas sein, wofür ich mich wirklich begeistern kann – ich denke da beispielsweise an Organisationen, die Integration und Bildung durch Sport fördern. Das alles trete ich deshalb breit, weil ich natürlich möchte, dass sich möglichst viele Menschen anschließen. Wie Daniel schrieb: “Gutes Tun und drüber reden.”

Außerdem interessant:

London wird australisch: Die Olympischen Spiele 2012 werden von australischen Sportfans überschwemmt. Die Deutschen liegen in Sachen Reisefreudigkeit auf Platz fünf.

Wie berichte ich über Dopingfälle? Daniel Drepper rollt den Streitfall zwischen Marathonläufer Viktor Röthlin und spiridon-Schreiberling Manfred Steffny auf.

“Tony Martin fährt nicht so schnell wie Chris Lieto” Lance Armstrong über Triathlon – und warum er so bald doch noch nicht nach Hawaii will.

Unglücklicher Olympiasieger: Simon Whitfield ist unzufrieden mit dem kanadischen Triathlonverband.

Erfolgsmüde Deutsche? Bei keiner anderen Nation hat der Erfolg der eigenen Sportler so wenig Einfluss auf den Nationalstolz wie bei den Deutschen.